Wird der Citizen Integrator überbewertet?
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iPaaS: 7 Gründe, warum Citizen Integrators überbewertet werden

| | Chief Cloud Officer, SEEBURGER AG
iPaaS: 7 Gründe, warum Citizen Integrators überbewertet werden

Dem Citizen Integrator wurde in letzter Zeit in der iPaaS-spezifischen Literatur viel Aufmerksamkeit zuteil. Man gewinnt sogar ab und zu den Eindruck, dass er in den Mittelpunkt der Integrationsstrategie gerückt wird. Nun füllt der Citizen Integrator zweifelsohne eine Lücke in der Integrationsstrategie vieler Unternehmen. Seine Bedeutung sollte jedoch deutlich differenzierter beurteilt werden.

Der Hype um den Citizen Integrator

Teile der Fachpresse und der fachspezifischen Vertriebs- bzw. Marketingliteratur haben den Citizen Integrator scheinbar auf ein Podest gestellt. Zuweilen wird er als jemand gefeiert, der als Key User das Steuer für die im Unternehmen anfallenden Integrationsaufgaben übernehmen und das IT-Personal weitgehend ersetzen wird.

Citizen Integrators sind typische Fachanwender, die in der Regel keine besonderen IT- und Softwarekenntnisse haben. Das können beispielsweise Manager, Datenanalysten oder auch einfache Frontline-Mitarbeiter im Unternehmen sein. Sie sollen Anwendungen und Prozesse zwischen Front- und Backend integrieren und dadurch datenbezogene Probleme in ihrem Berufsalltag schnell und unkompliziert lösen. Citizen Integrators werden als innovationsgetriebene Mitarbeiter dargestellt. Anstatt darauf zu warten, dass eine im Praxisalltag oft unterbesetzte oder überlastete IT drängende Integrationsvorhaben in Angriff nimmt, übernehmen sie die Führung – und erfüllen im Grunde alle Anforderungen eines Key-Users.

Der Stand der Integrationstechnologie ermöglicht dieses Szenario grundsätzlich: Viele Integrationsvorhaben lassen sich heute per Drag-and-Drop realisieren. Software- und IT-Systeme können von normalen Mitarbeitern schnell und unbürokratisch integriert und konfiguriert werden. Unternehmen, die auf Citizen Integrators setzen, versprechen sich mehr Innovation, schnellere Time-to-Market-Zeiten und erhebliche Kosteneinsparungen. Letzteres auch durch Wegfall von teuren IT-Fachkräften.

Warum die Erwartungen an den Citizen Integrator übertrieben sind

Auch wenn es in Einzelfällen immer wieder Unternehmensmitarbeiter geben dürfte, die ins zuvor beschriebene Szenario passen, sind die Erwartungen an den Citizen Integrator in den meisten Fällen unrealistisch. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Erstens lassen sich zwei oder mehr Anwendungen zwar per Drag-and-Drop schnell verbinden, in vielen Fällen gehört aber mehr dazu. Selbst wenn die technische Seite einwandfrei funktionieren sollte, müssen Aspekte der Datensicherheit und des Datenschutzes berücksichtigt werden. Dafür ist ein grundlegendes Verständnis von Prozessen rund um IT-Betrieb und Softwareentwicklung erforderlich.

Zweitens sind die meisten Citizen Integrators Fachanwender, die vordergründig an einer unmittelbaren Lösung der Probleme ihrer Fachbereiche interessiert sind. Das Verständnis für die IT-Gesamtstrategie des Unternehmens und wie sich die neu geschaffenen Integrationslösungen darin einreihen, fehlt ihnen oft. So entstehen möglicherweise Integrationen, die überflüssig oder sogar kontraproduktiv aus der Gesamtunternehmenssicht sind.

Eine starke Fokussierung auf die unmittelbaren Fachbereichsprobleme kann dazu führen, dass Citizen Integrators strategische Gelegenheiten, die dem Unternehmen Wettbewerbsvorteile verschaffen könnten, verkennen.

Daraus folgt eine weitere Gefahr: Es kann oberflächlich der Eindruck suggeriert werden, dass das Innovationsniveau im Unternehmen hoch ist, während in Wirklichkeit das Unternehmen in Bezug auf den Wettbewerb immer mehr ins Hintertreffen gerät.

Drittens zeigt die Erfahrung, dass niedrige technologische Zugangshürden oft einen leichtfertigen Umgang mit den entsprechenden Technologien fördern. Mitarbeiter machen sich im Vorfeld zu wenig Gedanken: Viele Projekte scheitern an unzureichender Planung oder sie werden nicht konsequent bis zum Ende verfolgt. In der Folge entstehen mit der Zeit viele verlassene Baustellen.

Um die Dinge wieder zu ordnen, muss die hauseigene IT einspringen oder es müssen teure externe Berater engagiert werden. Des Weiteren nährt der leichte und kostengünstige Zugang zu Technologie die falsche Vorstellung, dass Technologie schlechte Prozesse automatisch verbessern kann. Dringend erforderliche Veränderungen und Anpassungen der Unternehmensprozesse werden so durch technologische Lösungen, die kurzfristig abhelfen, verzögert.

Viertens lassen sich bei Weitem nicht alle Integrationsaufgaben problemlos im Unternehmen realisieren. Spätestens wenn große Datenmengen übertragen oder Daten aus vielen Quellen zusammengeführt werden müssen, wird Spezialwissen benötigt. Da die Datenmengen, die bereits heute in Unternehmen anfallen, sehr hoch sind und die Zahl der Anwendungen aufgrund der Popularität von SaaS schnell zunimmt, dürften hohe technische Anforderung an Integrationslösungen immer mehr zum Normalfall werden.

Fünftens haben viele Unternehmen in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten Aufgabenbereiche an externe Dienstleister ausgelagert. Dadurch fehlt ihnen oft ein Zugriff auf Daten, die für eine durchgehende Anwendungs- und Prozessintegration wichtig sind.

Als Beispiele können der Support oder der technische Kundendienst für die unternehmenseigenen Lösungen dienen. Die vom Kundendienst generierten Daten bilden häufig eine wichtige Quelle für Prozessverbesserungen und Innovationen in Vertrieb, Marketing und Produktion. Da sie jedoch oft beim externen Dienstleister liegen, haben die Mitarbeiter im Unternehmen keinen Zugriff auf diese Daten bzw. auf Daten in der erforderlichen Granularität. Diese Hindernisse untergraben jedoch einen Grundgedanken hinter der Rolle des Citizen Integrators – nämlich die Möglichkeit, schnell und unkompliziert auf die erforderlichen Daten zuzugreifen.

Sechstens hat sich der Trend zum Home Office in vielen Unternehmen in letzter Zeit deutlich verstärkt. Auch wenn das Arbeiten im Home Office oft vorteilhaft sein kann, ist dieser Arbeitsmodus nicht für alle Aufgaben gleich gut geeignet. Besonders bei Aufgaben, die ein hohes Maß an gegenseitiger Abstimmung, Vernetzung und Kommunikation erfordern, können sich Nachteile ergeben, die den Handlungsspielraum der Citizen Integrators erheblich einschränken. In vielen Unternehmen erfolgt der Großteil der Kommunikation arbeitsprozess- bzw. kulturbedingt informell, z. B. über den Flurfunk. Das Arbeiten im Home Office kann die Arbeit der Citizen Integrators in solchen Fällen stark beeinträchtigen.

Beispielsweise können Fachanwender, die Integrationslösungen erstellen möchten, im Vorfeld kein informelles Feedback über die Akzeptanz dieser Lösungen durch ihren Kollegen erhalten. Aufgrund des Informationsmangels wird es auch schwierig sein, rechtzeitig herauszufinden, ob jemand anders im Unternehmen gleichzeitig an der gleichen oder ähnlichen Integrationslösung arbeitet. Oder, ob eine angestrebte Integration aufgrund einer vom Management geplanten Änderung der Unternehmensprozesse bzw. -strategie bald überflüssig werden könnte.

Siebtens: Viele Einschätzungen, die eine wachsende Rolle des Citizen Integrators sehen, berücksichtigen nicht, dass die IT-Welt immer komplexer wird. Die Menge und Komplexität der Daten nimmt rapide zu. In der Folge entstehen neue Technologien, Verfahren, Handlungsfelder sowie gesetzliche Anforderungen. Entsprechend werden die Software und IT-Prozesse immer zahlreicher und komplexer.

Die iPaaS-Integrationswelt von morgen wird sehr wahrscheinlich nicht einfacher, sondern komplizierter werden. Und auch die Anforderungen an die IT- und Software-Kenntnisse der Mitarbeiter, die Integrationsaufgaben wahrnehmen möchten, werden weiter steigen.

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Dr. Martin Kuntz

Über den Autor:

Dr. Martin Kuntz arbeitet seit 2000 für die SEEBURGER AG, seit 2015 ist er Mitglied des Vorstands. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Cloud, Business Applikationen und der Digitalisierung fachlicher und technischer Geschäftsprozesse. Er verfügt über Abschlüsse in Physik und BWL. Zuvor arbeitete er mehrere Jahre im Bereich Simulation für das „Karlsruher Institut für Technologie“ und für Airbus-Tochter „Airbus Defence and Space“.