Globale Lieferketten werden immer fragiler
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Die Fragilität globaler Lieferketten

| | Director Business Unit E-Invoicing/SAP&Web Prozesse, SEEBURGER
Risiken und Herausforderungen der globalen Lieferketten

Heutzutage erstrecken sich die meisten Lieferketten von größeren Unternehmen über den gesamten Erdball. Die wenigsten Produkte und Rohstoffe, stammen aus demselben Land, in dem sie weiterverarbeitet werden. Meist erreichen sie die jeweiligen Produktions- und Verkaufsstätten von verschiedenen Kontinenten aus auf dem Land-, Luft- oder Wasserweg. Dies birgt jedoch eine ganze Reihe von Risiken, wie auch die jüngste Vergangenheit immer wieder zeigt. Denn der Abbruch der Lieferkette kann für ein Unternehmen schwerwiegende Konsequenzen haben. Erfahren Sie in diesem Beitrag, warum globale Lieferketten immer anfälliger werden. In einem weiteren Beitrag zu diesem Thema erfahren Sie in Kürze, wie Sie mit neuen Technologien die Supply Chain beflügeln können.

Globale Lieferketten, die auf maximale Kosteneffizienz ausgelegt sind, dominieren seit vielen Jahren den Welthandel. Die globalen Wertschöpfungsnetzwerke unterschiedlicher Wirtschaftssektoren schaffen hochkomplexe Lieferketten, die auf Leistung unter bekannten und vorhersehbaren Bedingungen optimiert sind. Die heutigen Lieferketten stellen dabei hohe Anforderungen an die Zusammenarbeit und Koordination der beteiligten Unternehmen. Konkret bedeutet dies, dass die Arbeit der Partner in der Wertschöpfungskette nicht mehr eigenständig ist, sondern effektiv miteinander verknüpft und auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet werden muss.

Aufgrund der zunehmenden Komplexität von Lieferketten – die genaugenommen eher Zuliefernetzwerke sind – reicht oft schon die Lieferunfähigkeit eines einzelnen Gliedes innerhalb der Lieferkette aus, um die Aktivitäten aller verbundenen Teilnehmer zu gefährden. Unvorhergesehene Ereignisse, wie jüngst die Blockade des Suezkanals und die anschließende Überlastung europäischer Häfen, zeigen überdeutlich, wie schnell globale Lieferketten zusammenbrechen können. Auch die Verknappung von Containern und der damit verbundene Anstieg der Frachtraten, insbesondere auf dem Weg von Asien nach Europa, sind weitere Beispiele für externe Einflüsse auf globale Lieferketten.

Dabei ist die Fragilität globaler Lieferketten im Wesentlichen durch die Auswirkungen folgender Faktoren auf die beteiligten Unternehmen begründet:

  • Naturereignisse
  • Pandemien
  • Politik
  • Wirtschaft
  • Compliance
  • Reputation

Extreme Wetterereignisse erhöhen die Fragilität globaler Lieferketten

Naturkatastrophen stellen eine große Bedrohung für die heutigen Lieferketten dar. Werden die Produktionszentren von Feuer, Überschwemmung oder Erdbeben getroffen, kann dies die Existenz einer gesamten Branche bedrohen. So versetzten beispielsweise das Erdbeben und der Tsunami im Jahre 2011 der japanischen Automobilindustrie einen schweren Schlag. Ein Großteil der Autoteileproduktion kam zum Erliegen, was die weltweite Versorgung mit Autoteilen unterbrach. Dies hat die Dynamik der Automobilindustrie nachhaltig verändert und Verbraucher mussten sich infolge dieser Lieferschwierigkeiten für andere Marktbegleiter entscheiden.

Die Auswirkungen von  Erdbeben und Tsunami im Jahr 2011 auf die Automobilindustrie in Japan
Abbildung 1: Die Auswirkungen von  Erdbeben und Tsunami im Jahr 2011 auf die Automobilindustrie in Japan[1]
Anfang 2018 traf der sogenannte „Bombenzyklon”, ein extrem kalter Wintersturm, auf die Ostküste der USA. Die Stromversorgung der betroffenen Regionen brach komplett zusammen, Schifffahrtswege froren ein, weshalb Schiffe strandeten und sich unter anderem der Rohöltransport verzögerte.

Meist sind Naturkatastrophen nur schwer vorherzusagen. Obwohl einige Länder größeren Risiken ausgesetzt sind als andere, haben die jüngsten Ereignisse gezeigt, dass keine Region der Erde vollständig immun gegen extreme Wetterereignisse ist. Für Einkäufer ist es daher wichtig, dieses Risiko durch breitgefächerte Beschaffung zu begrenzen: Ist eine Region betroffen, kann die Lieferkette auf diese Weise einfach auf ein anderes Zentrum umgeleitet werden.

Deutliche Erhöhung der Fragilität globaler Lieferketten durch Pandemien

Die aktuelle Covid-19-Pandemie hat zu großflächigen Störungen innerhalb der globalen Lieferketten geführt und die Exportwirtschaften vieler Produktionsländer existenziell getroffen. Wenn ganze Fabriken in China gezwungen sind, aufgrund der Auswirkungen des Corona-Virus zu schließen, hat dies zur Folge, dass andernorts die Zwischenprodukte knapp werden. Dies war zuletzt in der Elektronik-, Bekleidungs- oder Pharmabranche deutlich zu spüren. Ein Beispiel für eine sehr fragile Lieferkette ist die Automobilindustrie. Hier sind bis zu tausend Zulieferer von dieser Branche abhängig. Die meisten Zulieferer der deutschen Automobilhersteller befinden sich in Europa, aber wichtige Teile, insbesondere elektronische Komponenten, kommen aus China. Da Fahrzeuge jedoch heutzutage nach dem Just-in-Time-Prinzip gefertigt werden, reicht es schon aus, wenn ein Lieferant nicht pünktlich liefern kann, und die gesamte Produktion gerät ins Stocken, was die Stilllegung des gesamten Liefernetzwerks zur Folge haben kann.

Viele Unternehmen müssen angesichts der von Covid-19 verursachten Materialengpässe, Produktionsstillstände und Lieferunterbrechungen schnell nach Lösungen suchen, um den Warenfluss sicherzustellen.

Politische Instabilität steigert die Fragilität globaler Lieferketten

Politische Instabilität ist eine weitere massive Bedrohung für globale Lieferketten: Geschäftsbeziehungen, die heute noch als gut bewertet werden, können morgen durch politische Instabilität eingefroren sein und dadurch den grenzüberschreitenden Handel unterbrechen. Die politische Entwicklung eines Landes, insbesondere in China, spielt beim Aufbau einer globalen Lieferkette eine ganz wesentliche Rolle. Lieferketten müssen nicht nur aus technischen, sondern auch aus politischen Gesichtspunkten hinterfragt werden: Es geht also nicht mehr alleine um die Bewertung der technischen Risiken, die mit weltumspannenden Lieferketten grundsätzlich verbunden sind, sondern mittlerweile auch darum, politischen Abhängigkeiten möglichst zu reduzieren, zu entschärfen beziehungsweise auszugleichen. Ist ein Land in politische Spannungen verwickelt, können Streiks, Proteste oder gar der Sturz ganzer Regierungen den Handel maßgeblich und dauerhaft behindern oder gar beenden.

Bei der Auswahl der Lieferanten müssen verantwortliche Einkäufer heute daher berücksichtigen, ob und wie diese mit der Möglichkeit politischer Risiken konfrontiert sind. Hierbei ist auch die langfristige politische Dynamik ausschlaggebend. Steht in diesem Land eine politische Revolution oder ein Links-Rechts-Wechsel bevor? Welche Handelspolitik kann von der nächsten Regierung erwartet werden? Dies sind wichtige Fragen, die im globalen Beschaffungsmanagement von heute eine ganz wesentliche Rolle spielen.

Weltweit zunehmende wirtschaftliche Herausforderungen machen globale Lieferketten fragiler

Die Finanzkrise und verschiedene weltweite Erholungsstrategien haben die untrennbare Beziehung zwischen Volkswirtschaft und Lieferkette deutlich gemacht. Wirtschaftliche Probleme in einer Region können beispielsweise dazu führen, dass ein großer exklusiver Lieferant in Konkurs geht und somit die Lieferung einstellen muss. Dies ist besonders dann eine Herausforderung, wenn es sich im globalen Markt um einzigartige Produkte dieses Lieferanten handelt (beispielsweise Wirkstoffe von Medikamenten). Die Suche nach Alternativen kann sich unter Umständen sehr langwierig und schwierig gestalten und die Lieferkette an diesem Punkt dauerhaft unterbrechen.

Ein weiterer wirtschaftlicher Faktor, der die Fragilität globaler Lieferketten veranschaulicht, sind massive Änderungen von Zinssätzen und Wechselkursen. Die langfristige Geldpolitik eines Landes sollten Einkäufer stets im Auge behalten, da die Rohstoff- und Produktpreise hierdurch massiven kurzfristigen Schwankungen unterworfen sein können.

Mangelnde Compliance der Zulieferer steigert die Fragilität globaler Lieferketten

Die Regulierung der Lieferkette wird immer komplexer, insbesondere in globalen Netzwerken. Unternehmen müssen sich durch die Gesetze verschiedener Länder kämpfen und sicherstellen, dass alle Lieferanten im Wertschöpfungsnetzwerk legal arbeiten. Wenn ein Unternehmen gegen das Gesetz verstößt, können die Auswirkungen enorm sein. Compliance betrifft weit mehr als nur die reinen Geschäftstransaktionen. Die von der Europäischen Union und anderen Organisationen festgelegten Menschenrechts- und nachhaltigen Entwicklungsziele verlangen von den Unternehmen, dass sie eine menschenwürdige und umweltfreundliche Produktion durch ihre Lieferanten sicherstellen.[2] In Deutschland gilt beispielsweise ab 2023 für Unternehmen mit mehr als 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das Lieferkettengesetz. Ab 2024 wird es auf Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ausgeweitet. Es sieht klare Verpflichtungen zur Umsetzung der Sorgfaltspflicht entlang der gesamten Lieferkette vor.[3] Diesen Anforderungen kann ohne eine effiziente Lieferantenintegration entlang der gesamten Supply Chain kaum noch entsprochen werden.

Wie negative Reputation die Fragilität globaler Lieferketten erhöht

Nicht nur die Konsequenzen der Nichtbeachtung der durch die Politik festgelegten Compliance-Vorschriften können sich existenzgefährdend auf Unternehmen auswirken. Auch das Bekanntwerden schlechter oder gar ausbeuterischer Arbeitsbedingungen in der Lieferkette kann zu einem massiven Verlust an Reputation führen.

So berichtet beispielsweise der Harvard Business Manager in einem Artikel vom 26. Juli 2021, wie Berichte über schlechte Arbeitsbedingungen und Kinderarbeit bei Zulieferern das gute Image von Nike zerstört haben und wie Apple Druck bekam, da mehrere Suizide bei dessen Auftragsfertiger Foxconn bekannt wurden.[4]

Stellt sich heraus, dass Lieferanten Vorschriften missachten, insbesondere in den Bereichen der Nachhaltigkeit und Menschenrechte, kann dies dem Ansehen der Verkäufer ernsthaft schaden. Sie müssen strenge Regeln aufstellen und sicherstellen, dass alle Unternehmen, die mit ihnen zusammenarbeiten, diese Regeln einhalten. Dies kann schwierig sein, wenn ein Lieferant Tausende von Kilometern entfernt ist. Daher sind vor der Aufnahme einer Geschäftsbeziehung Due-Diligence-Maßnahmen unumgänglich. Mit einem Due-Diligence-Ansatz ermitteln Unternehmen beispielsweise die Eignung eines Geschäftspartners für eine Geschäftsbeziehung durch sorgfältige Prüfung verschiedener, für ihre Vorhaben relevanter Geschäfts- und Tätigkeitsbereiche. Dieser Prozess kann mehrere Stufen, wie beispielsweise das Managementsystem, die Risikoanalyse, die Strategie und die Überprüfung der Berichterstattung umfassen.[5] So können Fehler oder Risiken frühzeitig bei der Prüfung entdeckt werden. Eine effiziente Lieferantenanbindung erleichtert hierbei die Digitalisierung und Automatisierung der Lieferkette erheblich.

Fazit

Bis vor kurzem blieben Industrie und Handel hierzulande von ernsthaften Versorgungskrisen verschont. Es wurden globale Lieferketten etabliert, die es Unternehmen und Verbrauchern ermöglichen, in hohem Maße von den Kostenvorteilen einer global vernetzten Beschaffung (Global Sourcing) und Produktion zu profitieren. Dies hat jedoch zu einer großen Abhängigkeit, besonders von asiatischen Herstellern, geführt. Diese Unternehmen haben die Unbeschwertheit genutzt, um eine überoptimierte globale Lieferkette aufzubauen und Anpassungen vorzunehmen, um maximale Effizienz zu erreichen. Beim Global Sourcing geht es um Kostensenkung und Kosteneffizienz, während sich die Logistik um Just-in-time-Lieferung, also die Lieferung der benötigten Ressourcen zum Zeitpunkt der Verwendung, bemüht. Als Ergebnis dieser Bestrebungen haben wir heutzutage extrem effiziente, jedoch sehr fragile globale Lieferketten.

Unternehmen und ihre Lieferantennetzwerke können die Weltpolitik nicht maßgeblich beeinflussen, aber sie können sich besser auf mögliche Risikosituationen vorbereiten und geeignete Maßnahmen treffen. Auch wenn Wetterbedingungen und Umwelteinflüsse nicht treffsicher vorhergesagt werden können, ist es für Unternehmen doch möglich, das Risiko und mögliche Auswege im Voraus zu planen, sodass die Lieferkette von einer Naturkatastrophe möglichst unbehelligt bleibt. Ein Weg in diese Richtung ist die Digitalisierung und Automatisierung von Lieferketten. Erfahren Sie in Kürze in einem weiteren Beitrag, wie Sie mit neuen Technologien die Supply Chain beflügeln.


[1] Vgl. Fuchs, Martina: Risiken weltweiter Wertschöpfungsketten: Maßnahmen und Lernprozesse in deutschen Metallunternehmen nach der Katastrophe in Japan im März 2011. Entwurf und Kartographie: P. Dieckmann, P. Beyelin. Quellen: Erhebung von Martina Fuchs, Japan Meteorological Agency, ZEIT Online (alle 2011). Aus: https://wigeo.uni-koeln.de/sites/wigeo/Veroeffentlichungen/Working_Paper/WP_2011-01.pdf (abgerufen am 19.10.2021).

[2] Vgl. Auf dem Weg zu einem europäischen Lieferkettengesetz (bdi.eu) (abgerufen am 20.10.2021).

[3] Vgl. Das Lieferkettengesetz ist da (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) (abgerufen am 28.10.2021).

[4] Vgl. Supply Chain: Welche Lieferanten schaden – manager magazin (manager-magazin.de) (abgerufen am 20.10.2021).

[5] Vgl. beispielsweise GRI 102 – Risikomanagement | REWE Group-Nachhaltigkeitsbericht 2017 (rewe-group-nachhaltigkeitsbericht.de) (abgerufen am 02.11.2021).

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Rolf Holicki

Ein Beitrag von:

Rolf Holicki, Director Business Unit E-Invoicing, SAP&Web Prozesse, ist verantwortlich für die SAP-/WEB-Applikationen. Er hat mehr als 25 Jahre Erfahrungen in den Bereichen E-Invoicing, SAP, Workflow und Geschäftsprozessautomatisierung. Rolf Holicki ist seit 2005 bei SEEBURGER.