APIs: Gibt es branchenspezifische API-Szenarien?
API-Management

APIs und B2B-Integration – Teil 2: Welche Branchen nutzen APIs für die B2B-Integration?

| | SVP Strategic Product Management, SEEBURGER
API- und B2B-Integration – Adoption in Branchen und Standards

APIs bieten für die B2B-Integration immense Vorteile: Sie ermöglichen hochfrequente Echtzeit-Transaktionen zwischen Geschäftspartnern für granulare Businessprozesse. Sie können dadurch unternehmensübergreifende Geschäftsprozesse auf ein neues Level heben – wie bereits im Vorgängerblog der Blogreihe API und B2B-Integration diskutiert.

Im zweiten Teil der dreiteiligen Blogreihe berichtet der SEEBURGER-Experte Thomas Kamper darüber, in welchen Branchen Unternehmen APIs für die Partnerintegration einsetzen und ob es bereits Branchenstandards für die B2B-Integration über APIs gibt.

Was macht ein API-Szenario überhaupt branchenspezifisch?

Auf diese Frage gibt es keine allgemeingültige Antwort. Zwei Hauptmerkmale sind jedoch typisch für branchenspezifische API-Szenarien:

  1. Effizienz und
  2. Relevanz

Ein effizientes API-Szenario zeichnet sich durch eine unabhängige und weitgehende Standardisierung aus, die nicht von Individualinteressen einzelner Akteure getrieben ist. Jedes Unternehmen in der Branche muss es idealerweise nur einmal implementieren und kann das Szenario anschließend für potentiell alle relevanten Akteure innerhalb dieser Branche nutzen. Hier führt der resultierende Netzwerkeffekt für kollaborative Prozesse zu einer nachhaltigen Effizienzsteigerung.

Diese Standardisierung erfolgt in der Regel über ein branchenweit akzeptiertes Normierungsgremium, etwa eine Branchenvereinigung oder einen Verband. Ein Beispiel für die europäische Automobilindustrie ist hierbei die Vereinigung ODETTE – die auf ihrer Website bezeichnenderweise den Slogan: „No effective digitalisation without standardisation“1verwendet.

Ein relevantes API-Szenario bildet einen oder mehrere spezifische Kernprozesse in der bilateralen Interaktion von Geschäftspartnern innerhalb einer Branche ab. Die Festlegung, Verbreitung und der Nutzungsgrad des API-Szenarios wird über die Bedeutung eines zentralen Akteurs oder einer relevanten B2B-Plattformen innerhalb einer Branche bestimmt. Ein Beispiel ist die Selling-Partner-API (SP-API) von Amazon.

  • Relevante API-Szenarien zeichnen sich typischerweise durch eine kürzere Definitionsphase aus, effiziente API-Szenarien durch eine deutlich höhere Adaptionsrate. Der einfache Grund: Mehr Akteure erzeugen gleichzeitig mehr „Schub“, was die Adoption betrifft. Sie führen damit zu nachhaltigen und höheren Effizienzsteigerungen für die Branche (s. Abbildung 1).
Abbildung 1 Die unterschiedlichen Adoptionsraten von relevanten und effizienten API-Szenarien
Abbildung 1: Die unterschiedlichen Adoptionsraten von relevanten und effizienten API-Szenarien

Gibt es bereits effiziente, branchenspezifisch standardisierte API-Szenarien?

Die gibt es tatsächlich. Genau gesagt haben sich bereits drei Branchen auf standardisierte und effiziente API-Szenarien geeinigt:

  • die Finanzdienstleistungsbranche, in der wir verschiedene Initiativen auf globaler und regionaler Ebene sehen, wobei die Standardisierung über die NACHA organisiert wird,
  • die Gesundheitsbranche (der FHIR-Standard, aktuell hauptsächlich für Nordamerika relevant) und
  • die deutsche Automobilindustrie. Diese hat im Juli 2021 unter dem Dach des Branchenverbandes VDA die Guideline VDA4998 REST-API für Transport Track and Trace veröffentlicht.

Sie ist weltweit die erste Branchenempfehlung für Supply Chain Prozesse und wird bereits von der ODETTE für ihre Mitglieder empfohlen. So hat diese Standardisierung innerhalb kürzester Zeit eine hohe Relevanz für den europäischen Raum gewonnen. Da diese Industrie global vernetzt ist, geht der Wirkungsgrad über Europa hinaus.

Würdigung von SEEBURGER für unseren Beitrag zur Globalen Digitalisierung und digitaler Vernetzung von Branchen durch die UN/UNECE
Abbildung 2: Beispiel – Würdigung von SEEBURGER für unseren Beitrag zur Globalen Digitalisierung und digitaler Vernetzung von Branchen durch die UN/UNECE2

Die Guideline VDA4998 zeichnet sich durch einen sehr hohen und wohl durchdachten Grad der Standardisierung aus: Sie verwendet die OPEN API V3.0 Spezifikation, die in den UN/CEFACT API Design Rules empfohlen wird. Die Datenstrukturen nutzen die Artefakte des UN/CEFACT Reusable Data Model (RDM). Für die betreffenden Standardisierungen arbeitet SEEBURGER in beiden Normierungsgremien mit: in der relevanten VDA-Arbeitsgruppe und den relevanten Organisationen der Vereinten Nationen (UN).

Dies ermöglicht uns eine frühzeitige und schnelle Implementierung der Standards in den Lösungsangeboten für B2B-Integration unseres Hauses. Unternehmen und Branchen können somit über eine rasche Adoption von Standards von betriebswirtschaftlichen Vorteilen und Effizienzsteigerungen profitieren.

Status und Überblick zu branchenrelevanten API-Szenarien

In dieser Kategorie finden sich bereits eine Vielzahl branchenspezifischer API-Szenarien. Wie oben erwähnt, ist die Definitionsphase eines solchen „de facto-Standards“ kürzer, da sie von einem Akteur alleine festgelegt wird. Die Nutzung und Adoption ergibt sich aus der Bedeutung des Akteurs im Branchennetzwerk. Hier einige Beispiele:

  • APIs in den Bereichen Automotive und Fertigung
    OEMs setzen APIs ein, um ihre Lieferkettenprozesse zu optimieren – und dank VDA4998 wird dies nochmals erheblich effizienter möglich. Daneben gibt es bereits vereinzelte Initiativen von OEMS, klassische B2B-Integrations-Prozesse über APIs abzuwickeln. Manche orientieren sich hierbei an bestehenden Standardisierungen, wie etwa dem Aufbau und Inhalt von Geschäftsdokumenten, die bereits per EDI ausgetauscht wurden. Tesla hingegen setzt neue Prozessabläufe auf, die über APIs in ihrer Supply Chain abgewickelt werden.
    Automobilkonzerne wie Volkswagen3 oder BMW4 arbeiten daneben am Aufbau umfassender OEM-Plattformen, an die sich zukünftig alle Akteure über APIs schnell und einfach anbinden können. Damit können über den gesamten Produktlebenszyklus eines Automobils hinweg relevante kollaborative Prozesse integriert werden.
    Das Mega-Thema „Connected Cars“ wird in diesem Kontext eines Daten-Ecosystems ein Katalysator sein. Wussten Sie, dass Sie bereits heute Mobilitätsdaten von BMW- oder Daimler-Fahrzeugnutzern über deren Webseiten kaufen können?5 Und die Anbindung erfolgt dann, natürlich, über APIs.
  • APIs in der Logistik
    In Zeiten extrem fragiler Lieferketten ist die Möglichkeit zur Nachverfolgung von Lieferungen und Sendungen für viele Unternehmen wichtiger als je zuvor. Über APIs können diese Informationen von allen involvierten Akteuren in Echtzeit bereitgestellt bzw. abgerufen werden. Erst mit der Veröffentlichung der Guideline VDA4998 gibt es hierzu einen ‚echten Standard‘, es existieren allerdings eine Vielzahl relevanter API-Szenarien hierfür. Darüber hinaus bietet die API-Integration mit Logistikplattformen wie Project44, Tradelens, Freightos, Transporeon, Timocom und anderen eine schnelle und einfache Anbindung einzelner Akteure an ganze Transport-Ökosysteme.
  • APIs im Netzwerk der Hersteller diskreter Produkte, der Konsumgüterindustrie und des Handels
    Viele Hersteller haben ihren Handelspartnern oder Kunden früh individuelle APIs für Realtime-Bestandsabfragen und die Abfrage aktueller oder dynamischer Preise angeboten. Die Bereitstellung API-basierter Konnektivität von Online-Marktplätzen ermöglicht es dem Marktplatzbetreiber, zusammen mit den Verkäufern, den Anbietern von Bezahldiensten und Logistikpartnern, jede Transaktion eines Marktplatzkunden für den gesamten Kauf-, Liefer- und Bezahlvorgang transparent abzuwickeln. Der Marktplatz kann dem Kunden den gesamten Zyklus, vom Kauf bis zur Belieferung, darstellen. Als Beispiel für die Verkäuferintegration wurde die Amazon-SP-API bereits genannt. Sie ermöglicht es, dem Kunden das „Amazon-Einkaufserlebnis“ auch für unabhängige Verkäufer auf der Plattform bereitzustellen. Natürlich setzen auch andere Marktplätze wie die von Wayfair, BestBuy oder OTTO für die B2B-Integration auf API-Szenarien. Daneben bietet die API-Integration von standardisierten E-Commerce-Anwendungen Potenzial zur Optimierung und Differenzierung über solche B2B- und B2C-Vertriebskanäle.
  • APIs in der Utility-Branche
    In diesem Branchennetzwerk sind seit Dekaden B2B-Prozesse zwischen Geschäftspartnern etabliert und werden hauptsächlich über EDI-Verfahren abgebildet – und fortlaufend ausgebaut. Hier sind keine Tendenzen zu erkennen, APIs für diese robusten und bestehenden B2B-Verfahren einzuführen. Aber Themen wie Billing, die flächendeckende Einführung von Smart Meter, Stromladestellen für eMobility etc., führen in der Branche zu einer ständigen wachsenden Datenmenge. Diese Daten sind für Drittfirmen eine wertvolle Quelle an Informationen. Vergleichbar mit den oben erwähnten Mobility-Daten in der Automobilindustrie, stellen auch sie ein Gut dar, das gehandelt werden kann. Die Integration mit solchen Datenmarktplätzen, wie beispielsweise UtilityAPI, erfolgt über APIs.
  • APIs in branchenübergreifenden Szenarien
    Seit langer Zeit, und in der Tendenz steigend, etablieren sich als Intermediäre für B2B-Prozesse Beschaffungsplattformen als cloudbasierte Lösungen. Das Wachstum ergibt sich nicht zuletzt durch den Einsatz solcher Plattformen in eher mittelständischen Unternehmen. Zusätzliche Effizienzgewinne ergeben sich für beteiligte Käufer und Verkäufer durch eine Integration über APIs – etwa, wenn für gelistete Verkäufer eines Produktes tagesaktuelle Preise eingeholt werden oder Bestellungen auf der Plattform bereitstehen. Für diese granularen Transaktionen bietet sich der Einsatz von APIs an. Daneben ist ein weiterer Trend erkennbar: Wie oben erwähnt, haben Banken bereits in den Aufbau einer effizienten API-Integrationslandschaft investiert. Diese bestehende Infrastruktur kann nicht nur für die Integration von Unternehmen innerhalb des Bankensektors genutzt werden, sondern auch für die Integration ihrer Geschäftskunden. Eine Realtime-Integration von Finanztransaktionen und Statusinformationen ist eine Verbesserung des Servicegrades, die eine Bank ihren Kunden bieten kann.

Wie können Integrationsteams und Integrationsverantwortliche alle Anforderungen an B2B-Integrationen über APIs umsetzen?

Der dritte Teil der Blogreihe  APIs und B2B Integration – Teil 3: Wie können B2B-Integrationen über APIs umgesetzt werden? beschäftigt sich mit dieser Frage.


1 Vgl. https://www.odette.org/

2 Vgl. https://www.seeburger.com/de/news/pi/seeburger-erhaelt-zertifikat-von-den-vereinten-nationen-fuer-vorbildlichen-praxiseinsatz-von-unedifact/ vom 27.09.2018 (abgerufen am 24.01.2022)

3 Vgl. https://aws.amazon.com/de/solutions/case-studies/volkswagen-group/ (abgerufen am 24.01.2022)

4 Vgl. https://www.bmwgroup.com/de/innovation/unternehmen/open-manufacturing-platform.html (abgerufen am 24.01.2022)

5 Vgl. https://www.businessinsider.de/wirtschaft/lois-unterschrieben-vw-bmw-daimler-deutsche-bahn-dhl-und-huk-gruenden-den-datensupermarkt-der-kanzlerin-a/ (abgerufen am 24.01.2022)

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Thomas Kamper

Ein Beitrag von:

Thomas Kamper, SVP Strategic Product Management, ist verantwortlich für strategische Produktinitiativen im Zusammenhang mit allen Business Integrationstechnologien und -lösungen von SEEBURGER. Der Schwerpunkt liegt derzeit auf API-Lösungen und Big Data. Er ist auch für Lösungen verantwortlich, die es Unternehmen ermöglichen, Herausforderungen hinsichtlich Transparenz und Kontrolle zu meistern, wenn ihr Tagesgeschäft auf die reibungslose Ausführung digitalisierter Geschäftsprozesse angewiesen ist. Er ist im Dezember 2017 wieder bei SEEBURGER eingetreten. Zuvor war er als Interims-Manager und Business Advisor tätig. Er unterstützte dabei viele Jahre das C-Level von Software- und Cloud-Service-Anbietern, ihre strategischen Produktinitiativen erfolgreich umzusetzen.